Politikfeld Arbeit

Monika Christann

 

 

Zunächst erst einmal: Wir sind die einzige Partei, welche die unbezahlte Arbeit (Versorgungsarbeit) in unserer Gesellschaft thematisiert. Sie wird fast gänzlich von Frauen erledigt und hat nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2001 einen Wert von 820 Mrd. Euro ergeben. Dies ist soviel wie die Bruttowertschöpfung der deutschen Industrie mit Ausnahme des Baugewerbes. Und mit Politikkonzepten wie Hartz IV oder Agenda 2010 werden Frauen in großem Umfang wieder in die Abhängigkeit und in die unbezahlte Arbeit getrieben, da das Partnereinkommen angerechnet wird und bei Minijobs oder prekären Arbeitsverhältnisse eine Rückkehr in die Sozialversicherung unmöglich wird.

Hauptsache (Erwerbs-)Arbeit?

Seit vielen Jahren steht im Zentrum der Politik die Forderung nach "Arbeit" und "Arbeitsplätzen". Gemeint ist immer die Erwerbsarbeit. Dabei wird schon lange nicht mehr die Frage nach der Qualität der Arbeit, der Arbeitsplätze und der persönlichen Arbeitsmöglichkeiten inklusive unzumutbarer Arbeitsbedingungen gestellt; vielmehr sind PolitikerInnen (typisch im Patriarchat!) seit einigen Jahren erfolgreich dabei, die Bedeutung von Moral und Ethik umzudrehen: Es scheint neuerdings eine Selbstverständlichkeit zu sein, dass die Frage nach Arbeit in Würde unmoralisch und verwerflich ist - gleich welcher Partei-Couleur. Dies geht inzwischen soweit, dass Menschen sich schuldig fühlen und sich nicht trauen, ihr Menschenrecht auf soziale Sicherung einzufordern. Wir dürfen den Staat nicht aus der Verantwortung entlassen!
Es wird auch nicht mehr gefragt, ob das Einkommen zum Überleben ausreicht oder gar eine soziale Sicherheit und gesellschaftliche Partizipation ermöglicht.
Vielmehr erleben wir eine gezielte Zurichtung der Menschen auf die Bedürfnisse der Wirtschaft - und die meisten Politiker und Politikerinnen sind nur noch Handlanger derselben.

Das Prinzip "Hauptsache Arbeit" lässt alle Bedingungen, welche die menschliche Würde ausmachen (z. B. freie Wahl der Arbeit, Umsetzung der gelernten Qualifikationen, keine Ein-Euro-Jobs, mit dem jemand Anderes gut verdient) außen vor und führt zu einer allgemeinen Entgrenzung von Arbeit und Arbeitszeiten und zu einem Verlust eines selbstbestimmten Lebens und damit zu einem Verlust der Lebensqualität.
Sklavenartige Erwerbsarbeitsverhältnisse wie unter den Hartz-Konzepten sind mit feministischem Denken nicht vereinbar.

  • Zum Einen verwenden wir einen anderen Arbeitsbegriff. Arbeit gibt es in unserer Gesellschaft genug, sie wird aber gar nicht oder zu schlecht bezahlt. Arbeit ist Alles, was Menschen für Menschen und für die Gemeinschaft und den Erhalt der Lebensgrundlagen tun. Außerdem bezeichnen wir als Arbeit gerade auch die, deren Dienstleistung und Ergebnisse nicht technisch messbar sind. Insofern stehen auch alle Standardisierungspolitiken wie die der WTO mit GATS und dem TBT-Vertrag diesem Denken entgegen. Die Institutionen der WTO haben den 14. Oktober zum Weltnormungstag erklärt. Das Leben zu normen ist für uns Feministinnen eine entsetzliche Vorstellung und widerspricht unserem Leitsatz der "gleichwertigen Vielfalt". Wir fordern eine Neubewertung von Arbeit und dass Arbeiten mit sozialem, schützendem oder vorsorgendem Inhalt besser bezahlt wird als zerstörerische. Arbeit und Einkommen müssen außerdem entkoppelt werden. Eine Voraussetzung dafür ist ein Grundeinkommen, das wir schon seit unserer Parteigründung fordern.
  • Zum Zweiten thematisieren wir den Zusammenhang zwischen Arbeit und Leben. Es geht auch um Arbeit als Zweck für ein erfülltes Leben, Selbstbestätigung und Teilhaben an einer Gemeinschaft statt isoliert in einer Kleinfamilie zu leben. Der Austausch von Menschen untereinander findet auch auf der Ebene des Erwerbslebens statt. Es ist eine weitere Ebene für solidarisches gemeinsames Handeln und somit Teil der Beziehungsgesellschaft.
  • Zum Dritten wissen wir, dass ein selbstbestimmtes Leben für Frauen auch auf einer gleichwertigen Teilhabe am Erwerbsleben beruht, so dass in diesem Bereich dafür Sorge getragen werden muss, dass Frauen nicht benachteiligt oder ausgeschlossen werden.
  • Zum Vierten wollen wir abkehren von androzentristischen Strukturen, deren Einseitigkeit unterschiedlichste Lebensentwürfe verhindern, insbesondere die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und privaten Bedürfnissen. Begriffe wie z. B. das "Normalarbeitsverhältnis" oder die "Vollbeschäftigung" gehen schon seit Jahren an Lebensrealitäten vorbei, insbesondere an weiblichen Lebensbiografien.
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    19.10.05