Interview zur Bundestagswahl 2002

Waltraud Pomper

 

 

1. Wie erklärt sich der Name Ihrer Partei und wie identifizieren Sie sich persönlich mit diesem Namen?

Der Name unserer Partei erklärt sich damit, dass wir eine Partei sind, die die Interessen von Frauen in den Mittelpunkt ihrer Politik stellt. Wir sind der Überzeugung, dass die bestehende Gesellschaftsordnung aus der Sicht von Frauen neu gestaltet werden muss. Davon versprechen wir uns eine vernünftigere, am Leben und an den Bedürfnissen alller Menschen orientierte Herangehensweise an sämtliche politische Fragen.

Ich persönlich bin Feministin und setze mich daher für die Belange von Frauen ein.

2. Was hat Sie persönlich motiviert, politisch aktiv zu werden?

Ich persönlich finde es empörend, dass nach mehr als 50 Jahren Gleichberechtigungsartikel im Grundgesetz die Gleichberechtigung noch nicht annähernd erreicht ist und Frauen nach wie vor auf allen Ebenen der Macht nicht entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil vertreten sind. Ich bin der überzeugung, dass Demokratie erst dann verwirklicht worden ist, wenn Frauen überall zu mindestens 52 % an der Macht teilhaben.

3. Spendenskandale, Wirtschaftskriege, Korruption... Viele Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit zeigen, dass in vielen Teilen der Erde Politik vor allem durch wirtschaftliche Interessen gesteuert wird. Ist dies der richtige Weg?

Sicher nicht. Das zeigen doch die Ergebnisse dieser an Profit orientierten Handlungsweise nur zu deutlich. Armut, Hunger und Kriege nehmen weltweit zu. Täglich sterben mindestens 50 Tausend Kinder an Hunger und längst heilbaren Krankheiten. Ein Bruchteil der weltweiten Ausgaben für Rüstung würde genügen, diese Zustände wirksam zu bekämpfen.

4. Was macht Ihre Partei besser als die derzeitige Bundesregierung?

Alles.

5. Glauben Sie, die Situation in Deutschland in Hinblick auf die hohe Arbeitslosigkeit wird sich nach der Wahl am 22.September ändern? (bitte mit Begründung)

Nein. Alle bisherigen Rezepte kurieren an Symptomen herum, anstatt die Gründe für die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Es gibt tatsächlich weniger Erwerbsarbeitsplätze, denn es ist weniger menschliche Arbeit nötig, um die Menschen mit Gütern und Leistungen zu versorgen. Die Konsequenz müsste eine radikale Arbeitszeitverkürzung für alle sein, bei vollem Lohnausgleich für untere und mittlere Einkommen, statt die Gewinne in die Kassen der Reichen und Mächtigen zu spülen. Außerdem: Gesellschaftlich notwendige Arbeit gibt es genug. Sie wird im Erziehungs-, Pflege- und Versorgungsbereich kostenlos von Frauen geleistet. Diese Arbeit muss professionalisiert und entsprechend bezahlt werden. Damit würde sie übrigens auch für Männer attraktiv.

6. Gibt es ein Land, dass sich Deutschland - in Sachen Politik - als Vorbild nehmen sollte? Wenn ja, welches?

Es gibt in Schweden mehrere gute Ansätze, die Geschlechtertrennung auf dem Arbeitsmarkt zu überwinden: Der/die besser verdienende PartnerIn z.B nimmt Erziehungsurlaub bei vollem Lohnausgleich. Schweden kriminalisiert inzwischen die Freier und nicht mehr die Prostituierten. Kinderbetreuung und Schule orientieren sich am Wohl und an den Bedürfnissen der Kinder und Eltern und sind weitgehend frei von Leistungs- und Konkurrenzdruck. Mit welchem Erfolg beweist die PISA-Studie! Sicher ist auch Schweden noch weit davon entfernt, so frauenbezogene Politik zu machen wie wir das wollen, aber immerhin.

7. Gibt es einen Grundsatz Ihrer Partei, der dem Parteiprogramm zugrunde gelegt wurde? Wenn ja, wie lautet dieser? (in 3-4 Sätzen)

Wir setzen uns ein für eine herrschaftsfreie Welt ohne Gewalt, Ausbeutung und Unterdrückung. Jede Person soll das Recht auf Selbstbestimmung in Bezug auf Sexualität, Schwangerschaft und die Wahl ihrer Lebensweise haben. Wir wollen weder auf Kosten anderer Völker noch um den Preis einer zerstörten Natur leben. Wir wollen ein existenzsicherndes Einkommen für jede Person.

8. In welcher Bevölkerungsgruppe sehen Sie Ihr größtes Wählerpotential?

Bei den Frauen natürlich und hier bei den Nichtwählerinnen.

9. Im laufenden Wahlkampf haben sich Gerhard Schröder und Edmund Stoiber in einem ersten TV-Duell gemessen. Was halten Sie von dieser - für Deutschland neuen - Wahlkampfveranstaltung und was bringt sie dem Wähler?

Für die Wählerin bringen solche "Hahnenkämpfe" höchstens die Einsicht, dass sich weder bei Schröder noch Stoiber als Kanzler für die Frauen viel ändern wird. Besonders erhellend ist doch, wie beide über ihre Frauen sprachen: Politische Einflussnahme ihrer Frauen wünschen beide nicht.

10. Da sich in der Parteienlandschaft immer wieder gefährliche extreme politische Lager bilden: welche im Moment bestehende Partei sollte Ihrer Meinung nach nie an der Regierungsgewalt in Deutschland beteiligt werden?

Eine Partei, deren Ziele sich nicht an den Menschenrechten orientiert, ist nicht tragbar. Und Menschenrechte sind auch Frauenrechte. Diesbezüglich haben alle Parteien Nachholbedarf.

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30.09.02