Inhalt:
1.
2. a)
2. b)
2. c)
3. a)
3. b)
1.
In diesem Beitrag soll die Rede sein von der ökonomischen Situation von
Frauen. Dabei wird einiges vorkommen, das vielleicht eher in einem Beitrag
mit dem Titel "Soziale Fragen" erwartet würde. Der Begriff "Soziales" legt
aber nahe, daß es um freiwillige Mildttätigkeit geht. Uns geht es hingegen
um den gleichberechtigten Zugang zu Ressourcen für Männern und Frauen.
2. a)
Die Diskriminierung von Frauen auf ökonomischem Gebiet beginnt bei der
ungleichen Verteilung von unbezahlter Arbeit. Unbezahlte Arbeit ist vor
allem jene, die im Haushalt und bei der Versorgung von Kindern und
pflegebedürftigen Angehörigen geleistet wird.
In Grafik 1 sehen wir, wieviele Stunden pro Tag Frauen (die beiden linken
Säulen aller drei Rubriken) bzw. Männer (rechte, gestreifte Säulen)
unbezahlte Arbeit leisten: Auf die Hausarbeit (Rubrik links), die am meisten
Zeit braucht, verwenden Frauen mehr als doppelt soviel Zeit wie Männer,
ähnlich verhält es sich bei der Pflege- und Versorgungsarbeit (Rubrik
rechts), lediglich im kaum zeitaufwendigen Bereich handwerkliche Tätigkeiten
(Rubrik in der Mitte) tragen Männer mehr bei.
Grafik 1

Grafik 2 zeigt, daß der Zeitaufwand der Frauen (hier Ehefrauen mit
mindestens einem Kind, schwarze Säulen) für die Hausarbeit - wie zu
vermuten - von der Größe der Familie wie auch von ihrer eigenen
Berufstätigkeit abhängt: nicht erwerbstätige Frauen (A, B, D, F, H)
verwenden darauf je nach Zahl und Alter der Kinder zwischen vier und fünf
Stunden täglich, erwerbstätige (C, E, G, I) unter vier Stunden (sei es, daß
sie die Kinder zum Helfen heranziehen, jemanden zum Putzen anstellen, sei
es, daß sie die Hausarbeit effizienter organisieren). Der Einsatz der
Ehemänner (graue Säulen) im Haushalt hingegen ist von allen Faktoren aber
bemerkenswert unabhängig und liegt, egal, ob die Ehefrau berufstätig ist und
wieviele Kinder im Haushalt leben, bei etwa 90 Minuten pro Tag
(möglicherweise handelt es sich dabei vor allem um den samstäglichen
Großeinkauf).
Grafik 2
Ähnlich verhält es sich bei der Kinderbetreuung (Grafik 3), die zum einen
wie gesagt vor allem von Frauen (wieder schwarze Säulen) geleistet wird und
an der sich die Männer (graue Säulen) nicht etwa sonderlich verstärkt
beteiligen, wenn mehrere Kinder da sind.
Grafik 3
Daß die Kinderbetreuung die Frauen so viel Zeit kostet, hängt mit der
unzureichenden Versorgung mit Kinderbetreuungseinrichtungen, besonders für
Kinder unter drei Jahren und für Schulkinder, zusammen:
In Frankfurt a.M. gibt es 575 Krippenplätze für ca. 11.500 Kinder
zwischen 1 und 3 Jahren und etwa 4.000 Hortplätze für etwa 40.000 Kinder
zwischen 6 und 12 (eigene Berechnung nach: Statistisches Jahrbuch der Stadt
Frankfurt 1999).
Daß dies in anderen europäischen Ländern z.T. ganz anders ist, ist aus
Grafik 4 abzulesen (die Zahlen für Ostdeutschland dürften mittlerweile
deutlich niedriger sein als die angegebenen):
Grafik 4
Nur Griechenland, Irland, Österreich, Spanien und Großbritannien weisen eine
ähnlich geringe Zahl von in Krippen betreuten Kindern (schwarze Säulen) auf,
während in westlicheren und nördlicheren Ländern Europas die Rate zwischen
30 und 50 Prozent der Kinder zwischen 0 und 3 Jahren liegt. Bei den
Schulkindern (weiße Säulen) liefert die Grafik insofern einen etwas
falschen Eindruck als z.B. in Belgien und Frankreich die Ganztagsschule die
Regel ist, weswegen zusätzliche Horte weniger notwendig sind. Hier liegen
Dänemark und Spanien mit einer Betreuungsrate von über 60 der Kinder im
relevanten Alter an der Spitze. Westdeutschland hat in beiden Kategorien
also mit die allerniedrigste Rate von außerhäuslich betreuten Kindern. Daher
können in der BRD Frauen mit Kindern - wenn überhaupt - allenfalls
Teilzeitarbeitsplätze annehmen.
2. b)
Auf dem Erwerbsarbeitsmarkt setzt sich die Diskriminierung von Frauen fort.
Zwar gleichen sich die (Bruttostunden-)Löhne von Männern und Frauen
allmählich an, aber noch immer verdienen in Westdeutschland Arbeiterinnen
nur 75%, Angestellte nur 70% von dem, was ihre männlichen Kollegen
verdienen:
Grafik 5
Die Angleichung der Löhne wird vor allem dem Umstand verdankt, daß Frauen
erfreulicherweise zunehmend höhere Bildungsabschlüsse erlangen. Es gibt auch
tatsächlich eine Schicht sehr gut verdienender Frauen. Wenn wir aber
ausrechnen, wie die Differenzen im Lohn bei gleicher Qualifikation aussehen,
so ergibt sich, daß
Frauen um 25% weniger verdienen als Männer mit gleicher (Aus-)Bildung
(Berechnungen des ZEW nach dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamts).
Gutfunktionierende Männernetzwerke verhindern, dass Frauen gleichen Zugang
zu besser dotierten Jobs erhalten:
Beispielsweise sind von den 742 Lehrstühlen für Humanmedizin in der BRD
nur 17 von Frauen besetzt (SPIEGEL 2/01).
Die Rate der Professorinnen hat sich zwar erhöht, sie ist aber mit 8%
immer noch sehr gering.
Es werden - anderslautenden Behauptungen zum Trotz - nicht etwa verstärkt
Frauen berufen: Der Anteil der Frauen, die eine Professur bekommen, ist mit
etwa 15% ebenso hoch bzw. niedrig wie der Anteil der Frauen unter den sich
um eine Professur Bewerbenden (Zahlen der Bund-Länder-Konferenz zu
Hochschulen und Bildung).
Da sich wenig Frauen in Entscheidungspositionen befinden, werden vorrangig
Männerinteressen berücksichtigt, und Frauen finden sich vor allem in den
unteren Lohngruppen wieder:
Grafik 6
(eigene Berechnungen nach dem Statistischen Jahrbuch 1999)
Über 70% der Männer in Frankfurt, aber nur etwas über 50% der Frauen haben
also ein Nettoeinkommen von über 1800 DM im Monat.
Besonders gravierend ist in allen Fällen die Situation der Frauen aus
diskriminierten Gruppen. Für Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen
beispielsweise ist insgesamt (wegen entsprechender Rollenbilder etc.) der
Anteil der unbezahlten Arbeit besonders hoch, der Zugang zum
Erwerbsarbeitsmarkt besonders schwierig, der Lohn und die Aufstiegschanchen
besonders gering.
2. c)
Wegen der geringeren Erwerbsbeteiligung und dem geringeren Verdienst sind
die an Frauen ausgezahlten Renten ebenfalls gering und betragen mit
durchschnittlich 959 DM pro Monat nur die Hälfte der durchschnittlichen
Renten der Männer (1784 DM / Monat, nach FrauenDatenReport). Allerdings
beziehen zahlreiche Frauen sowohl eine Versicherten- als auch eine
Witwenrente, so daß die insgesamt erzielten Renten etwas höher sind:
Grafik 7
Diese Situation wird sich mit der geplanten Rentenreform noch deutlich
verschärfen.
Wegen ihrem geringeren Einkommen und der daraus folgenden geringen Rente
sind Frauen vielfach von Männern abhängig. Frauen, die ohne Männer leben
(Alleinerziehende, alte Frauen, lesbische Paare) sind vielfach akut von
Armut bedroht. Dabei ist die Situation der ausländischen Frauen besonders
prekär.
3. a)
Um die ökonomische Situation der Frauen zu verbessern und ihre finanzielle
Abhängigkeit von Männern zu beenden ist folgendes notwendig:
Neubewertung von Arbeit (Anerkennung der unbezahlten Arbeit), Umverteilung
der Reproduktionsarbeit
Arbeitserlaubnisse für alle ausländischen Frauen
gratis Kinderbetreuungseinrichtungen für alle
Ausgleich der Lohnunterschiede (etwa Festlegung von Löhnen nach einem
Punktesystem): gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit
Einführung eines Basislohns zur Beendigung von finanzieller Abhängigkeit, zur Verhinderung von Armut
und zur Beseitigung des Lohndumpings
Einführung einer Grundsicherung
Rücknahme der Rentenreform
Durchkreuzung der Männernetzwerke durch Quotierung des Zugangs zu
Entscheidungspositionen
3. b)
Auf kommunaler Ebene ist daraus folgendes umsetzbar:
Schaffung und ausreichende finanzielle Ausstattung von städischen
Kinderbetreuungseinrichtungen (insbesondere auch für Kinder unter 3 Jahren
und für Schulkinder)
Schaffung und ausreichende finanzielle Ausstattung von städtischen
Pflegeeinrichtungen
Schaffung und ausreichende finanzielle Ausstattung von städtischen
Beratungsstellen für Frauen, u.a. insbesondere auch für obdachlose Frauen,
Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen); verbesserte Aufklärung aller
EinwohnerInnen über ihre Ansprüche auf Sozialleistungen
schwerpunktmäßige Zuteilung von Sozialwohnungen an Alleinerziehende und
andere bedürftige Frauen
Vergünstigungen für Alleinerziehende und andere bedürftige Frauen bei
öffentlichen Verkehrsmitteln und öffentlichen Einrichtungen
Ausschöpfen der Ermessensspielräume bei der Gewährung von Sozialhilfe
zugunsten der BezieherInnen
anteilsmäßige Berücksichtigung von Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen bei
der Vergabe von Ausbildungs- und Erwerbsarbeitsplätzen
verstärkte Förderung von Deutschkursen für Migrantinnen und Flüchtlinge
(in Frankfurt derzeit v.a. von EU-Geldern finanziert!)
kommunale Aufträge und Förderungen nur an solche Betriebe, die einen
Frauenförderplan vorlegen, in dem dargelegt wird, wie das Ziel der
gleichberechtigten Vertretung von Frauen auf allen Ebenen des Betriebs
erreicht werden soll
Verwendung eines festen und ausreichenden Prozentsatzes des Budgets für
die Unterstützung von Frauenprojekten
städtische Antidiskriminierungsverpflichtung
Quotierung der städtischen Ämter
Grafiken (bis auf Nr. 6) aus:
Ute Klammer et al. (ed.): WSI-FrauenDatenReport. Berlin (edition sigma 2000)