Fassungslos schaut die Bundesrepublik auf Erfurt.
Vergleichsweise ruhig reagiert Bernhard Vogel in der Pressekonferenz am 27.04.02
auf die entsetzliche Bluttat in der Gutenberg-Schule in Erfurt. Für die Reaktion
werden Zitate aus dem Olympia-Massaker in München 1972 herangezogen: "Die Spiele
müssen weitergehen" und "Das Leben geht weiter". Reaktionen, wie sie zynischer
nicht sein könnten! Gerade in Thüringen versuchen Frauenorganisationen seit
einiger Zeit, in den entscheidenden Gremien zu sitzen, wenn es um Massnahmen
gegen Gewalt geht - sei es nun Gewalt durch Rechte oder Gewalt gegen Frauen auf
der Straße oder im Haus.
Zur Gewaltproblematik stellt Bundessprecherin Monika Christann fest: "Die
Feministische Partei hat sich auch deswegen gegründet, weil Frauen schon vor
langer Zeit erkannt haben, dass das Thema "Gewalt" als ein zentraler Bestandteil
der patriarchalen Ordnung endlich auch politisch angegangen werden muss. Es ist
in dieser Gesellschaft akzeptiert und üblich, Probleme mit Gewalt lösen zu
wollen." Der immer wieder zu hörende Satz, der Amokläufer in Erfurt sei "ein
ganz normaler 19-Jähriger" gewesen, passt dazu. Für die eigenen Verfehlungen
werden andere Menschen verantwortlich gemacht. Dies trifft sowohl auf meist
männliche Individuen wie auch auf alle patriarchal orientierten Staatsführungen
zu." Wo ist der Unterschied zwischen Robert S., Ariel Scharon, Yasser Arafat,
Bush oder allen anderen krieg-befürwortenden Staatslenkern auch in Deutschland?
Monika Christann dazu: "Es gibt keinen."
Was ist zu tun? "Wenn jemand unbedingt Schiessen als Sport begreift und dies
übt," so Christann, "sollten Waffen und Munition im Sportverein nach Gebrauch
abgegeben und verschlossen werden. Mittelfristig sollten auch die Olympischen
Spiele auf Schiess-Sportarten verzichten. Das NOK sollte keine SportlerInnen
mehr für diese Disziplinen entsenden. Langfristig wäre darauf hin zu wirken,
dass alle Sportarten, deren Zweck originär mit Waffen und Töten, Verletzen oder
Unterwerfen zu tun hat, geächtet und nicht mehr ausgeübt werden." Waffenbesitz
muss verboten, die Herstellung von Waffen zum Export abgeschafft werden. Die
Erziehung in den Kindergärten und die Lehrpläne in den Schulen müssen Fächer wie
"Antihierarchische Erziehung" und "Friedliche Konfliktlösungsmöglichkeiten", die
auch das Wertschätzen von Leben und dem anderen Geschlecht sowie der Achtung vor
der Natur als hohem Gut einschliesst, beinhalten.
"Die Gesellschaft" fordert Monika Christann "muss ausserdem so organisiert
werden, dass niemand mehr Angst haben muss, dass das soziale System sie oder ihn
nicht mehr trägt. Kürzungen im Sozial- und Bildungsbereich, wie sie seit vielen
Jahren durch unsere Regierungs-Patriarchen durchgeführt werden, dürfen nicht
mehr gemacht werden. Hingegen ist die Herstellung und Finanzierung von Waffen
sofort zu stoppen. Und es ist an der Zeit, dass das Thema "Lebensfeindliche
patriarchale Gesellschaftsordnung und ihre Überwindung" auf die politische
Tagesordnung kommt. Dies wird jedoch erst dann geschehen, wenn bewusst
mehrheitlich Frauen und Männer in die Parlamente gewählt werden, die den
feministischen Blickwinkel als Möglichkeit erkennen, um zu einer friedlichen und
gerechten Gesellschaft zu kommen." Das Leben geht weiter? Hoffentlich nicht so
wie bisher.
Monika Christann, Bundessprecherin
Monika Christann
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