Wahlverwandtschaften der neuen Art
Bericht von der Tagung "Feministische Utopien" am 13. 4. 02 in Düsseldorf

Helga Leirich

 

NEU! das Buch zur Tagung!

 

Natürlich hatten wir gehofft, dass es so kommen würde, und dann wurde es im Gerhart-Hauptmann-Haus am 13. April tatsächlich ein bisschen eng. Etwa 120 Frauen und zwei Männer waren gekommen, um die insgesamt 12 Referentinnen zu erleben. Zwei weitere (Irina Besic und Kornelia Schönfeld aus Kroatien) waren angekündigt, konnten aber leider nicht kommen. Die Stimmung war gut, es gab angeregten Austausch in den Pausen sowie lebhafte Diskussionen in harmonischem Miteinander. Im folgenden gebe ich die wichtigsten Aussagen der Vorträge wieder. In voller Länge sind sie, so Göttin will, zum Jahresende in Buchform nachzulesen. Herausgeberin wird Britta Zangen sein. Sie hat auch, unterstützt durch Sigrid Beyer, weitere Düsseldorfer Mitfrauen und mich, die Hauptlast der Organisation getragen. Alles klappte von morgens bis zum abendlichen Ausklang wie am Schnürchen. Der Dank der Teilnehmerinnen gilt auch dem LMV NRW, der die Tagung großzügig finanziell unterstützte!

Den Anfang machte der Themenkomplex "Politische Alternativen aus Frauensicht". Beate Gonitzki aus Hannover stellte die Vorteile von "Selbstorganisation und Netzwerken" vor und untermauerte sie am Beispiel der "Frauenuniversität als Projekt zur Expo 2000". Christa Mulack, mittlerweile Autorin von elf Büchern, hatte einen humorvollen Beitrag angekündigt und löste ihr Versprechen ein. Sie beschrieb ihre Utopien aus Politik, Religion und Gesellschaft so, als wären sie bereits eingetreten. Viel Heiterkeit rief ihre Definition des "Muttersohns" als "matriarchalem Hardliner" hervor. Kontovers diskutiert wurde ihre religiöse Utopie, in der die Frauen die großen Kirchen erst unterwandern, um sie anschließend abzuschaffen.

Das zweite Motto "Das Private ist politisch" zog sich auch als roter Faden durch die Ausführungen von Viresha J. Bloemeke und Helen Maja Heinemann. Sie befassen sich mit Frauengesundheit in Wandelzeiten. Großen Beifall ernteten ihre Vorschläge für mehr Freiräume, namentlich als Frauenräume, und eine verbesserte Wertschätzung weiblicher Fähigkeiten. Die nächste Referentin enttäuschte unsere Hoffnungen auf eine bessere Zukunft: Elisabeth Trube-Becker, war als Professorin für Rechtsmedizin in ihrem Berufsalltag mit den Opfern häuslicher Gewalt konfrontiert und fand das Ende dieser Gewalt zu utopisch. Fachfrauen aus dem Publikum widersprachen ihr heftig und wiesen auf die Fortschritte der letzten Jahre hin. Bei Monika Bunte vom Verband der Familienfrauen und -männer gab es große Übereinstimmung mit unserem Parteiprogramm. Sie definierte in unserem Sinne den Begriff "Arbeit" und plädierte, wie wir, für die Wahlfreiheit von Frauen.

Die "Weibliche (Gegen)Kultur" einer egalitären Gesellschaft entwarf nach der Mittagspause Heide Göttner-Abendroth. Hierfür ist es besonders wichtig, eine Verbindung von Spiritualität und Politik in der Gesellschaft zu erreichen. Auf der Basis dieser spirituell-geistigen Übereinstimmungen können sich "Wahlverwandtschaften" und Netzwerke bilden. Diese sind regional begrenzt, da sonst nicht organisierbar. Dieser Aspekt sowie die Subsistenzperspektive weisen große Übereinstimmung mit unserem Wirtschaftsprogramm auf. Die Pianistin Susanne Geiger plädierte für die Förderung von Mädchen zu mehr Kreativität und Phantasie durch musische Fächer und auch für die Würdigung weiblichen Musikschaffens (Komponistinnen / Performancekünstlerinnen). Sabine Lichtenfels erinnerte an die Überschaubarkeit früherer Gemeinschaften, in denen die Ehe jedoch kein Ghetto darstellte, forderte Umweltschutz und Inweltschutz und eine Globalisierung der Friedenskräfte.

Der Themenkomplex Frauen in der Gesellschaft beendete die Utopietagung. Heide Happel, Fachfrau für IT und Neue Medien, unterstrich, dass sich das Interesse von Frauen für die modernen Technologien nur über die Themenwahl wecken lässt. Insbesondere Projekte, die mit Kreativität zu tun haben, kommen gut an. Doris Reich, Dipl.Ingenieurin der Raumplanung und Stadtplanerin, eröffnete ihren Vortrag mit Beispielen früherer Utopien. Auch heutzutage können nur einflussreiche Frauen Projekte ermöglichen, wie z.B. in Hamburg "Die Stadt der Frauen". Dabei war die Ministerin für Stadtentwicklung gleichzeitig für die Gleichstellung zuständig. Christine Baur aus Tirol schlug am Ende der Tagung mit ihren Ideen zu den "sozialen Netzen, die keine durchfallen" lassen den Bogen zu anderen Referentinnen (u.a. Gonitzki: Selbstorganisation und Netzwerke, Göttner-Abendroth: Wahlverwandtschaften, Mulack: weibliche Loyalität, Bloemeke-Heinemann: Wandelzeiten). Ihre Utopie: Durch Beziehungen, Konsens, Teilhabe und Teilgabe entsprechend ihrer Lebenssituation erhält jede soviel, wie sie braucht. Damit entwirft sie auch eine ganz praktische Seite unseres Begriffes der Beziehungsgesellschaft.

Das ist insgesamt die Aufgabe, die uns Parteifrauen nun zu tun bleibt: die vorgestellten Utopien ins Parteiprogramm integrieren. Das heißt, ergänzen oder präzisieren, wo noch etwas fehlt bzw. neue Ideen aufnehmen. Interessante Ansätze versprechen hier die AG "Feministische Ethik und Kultur" und die AG "Demokratie".

Noch ein Wort zum Abend bei Britta: leckeres Büffet, viele anregende Gespräche, auch mit einigen der Referentinnen, Bayerinnen tranken zum ersten Mal in ihrem Leben Alt-Bier, alle anwesenden Frauen verbringen ihren nächsten Urlaub auf dem Beginenhof in Thüringen und schreiben anschließend ein Buch über die Beginenbewegung (einzeln / alle zusammen?)...

Logo


Zurück zur Startseite / Back to the homepage

internet@feministischepartei.de

08.11.02