Das rot-grüne Märchen von mehr sozialer Gerechtigkeit
Wer noch 1998 bei der Bundestagswahl an einen Politikwechsel geglaubt hatte,
musste erkennen, dass die Rot-Grüne Regierung lediglich einen Machtwechsel
meinte. So wie es begann - indem z. B. die berechtigten Anliegen von Frauen als
"Gedöns" abgetan wurde - ging es gerade weiter. Nicht etwa Abkehr von
ungerechtem, patriarchalem Denken, sondern Fortführung der alten Politik der
"Kohl"-Ära mit geringfügigen Änderungen. Der neoliberale Kurs mit der
Unterwerfung aller Ziele einer Verteilungsgerechtigkeit unter den "freien" Markt
wurde fortgesetzt. Die neue Regierung hatte nicht den Mut, einen grundlegenden
Kurswechsel vorzunehmen, sondern drehte weiter an der Schraube der sozialen
Ungerechtigkeiten. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter,
so ist es in den Zahlen des Statistischen Bundesamtes und des ersten, bis heute
nur schwer zugänglichen Armutsberichtes nachzulesen.
"Riester-Rente" und "Niedriglohnsektor" sind nur zwei Begriffe aus dem
neoliberalen Katalog der Verteilungsungerechtigkeit
Riester-Rente - von der geringfügigen Sicherheit ganz sicher in die grössere
Armut
Mit der Einführung der Riester-Rente hat die Regierung eine Umverteilung
zugunsten der Arbeitergeber und der privaten Versicherungswirtschaft geschaffen.
Insbesondere Frauen haben hier wieder einmal das Nachsehen. Unumkehrbar wird die
von ArbeitnehmerIn und Arbeitgeber zu gleichen Teilen geleistete Finanzierung
der Alterssicherung aufgegeben. Die freiwillige private Altersvorsorge von z.
Zt. ca. 4 % des Bruttoentgelts trifft Frauen besonders hart, denn 4 % sind für
einen niedrigen Lohn härter abzuzwacken als von einem sog. "Ernährerlohn" eines
Mannes. Wer nichts verdient, kann auch für 4 % nichts aufwenden. Wer wenig
verdient, kann vielleicht etwas sparen, wer viel verdient, ggfs. etwas mehr.
Auch 2002 erhalten Frauen immer noch rund ein Viertel bis ein Drittel weniger
Gehalt für die gleiche Arbeit, viele typische Frauenberufe sind unterbewertet
und unterbezahlt (von der unbezahlten Arbeit ganz zu schweigen!!!). Hinzu kommt,
dass viele Frauen auf Grund ihrer Kinder unterbrochene Erwerbsbiografien haben
bzw. als potentielle Mütter gar nicht erst eingestellt werden. Erwerbslose
Zeiten bleiben in der privaten Altersvorsorge unberücksichtigt und
Familienarbeit wird nicht anerkannt.
Hinzu kommt, dass viele der privaten Versicherungsgesellschaften die
Rentenvorsorgebeiträge in Aktien bzw. Aktienfonds anlegen werden. Die
ungezügelten und unkontrollierten globalen Finanzspekulationen, die ganze Länder
in den Konkurs treiben können, tragen zu einer weiteren Unsicherheit in diesem
privaten Vorsorgesystem bei: Ganze Generationen werden zittern müssen, dass ihre
Aktien gerade hoch im Kurs stehen, wenn sie diese in Bargeld umwandeln wollen.
Reales Geld existiert übrigens nur noch zu etwa 5 %; der Rest ist nur eine
Ziffer auf einem (Aktien-)papier oder auf dem Bildschirm des Computers....
Auch heute noch und gerade in Zeiten des neoliberalen Credos vom angeblich
"freien Markt" erleben Frauen verstärkt Erwerbslosigkeit, Lohndiskriminierung,
Altersarmut durch Teilzeitarbeit und fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Die
"Klasse" der "geringfügig Beschäftigten" - meist Frauen - wird noch einmal enorm
anwachsen durch die geplante Heraufsetzung von 630,- DM auf (umgerechnet) ca.
1.050,- DM. Wie wir wissen, führt eine geringfügige Beschäftigung direkt in die
Altersarmut und nichts, aber auch gar nichts hat sich Jahren daran geändert,
dass die Armut weiblich ist.
Niedriglohnsektor und Kombilöhne - Logik des Neoliberalismus
Papageienhaft plappern die Schröder-Gefährten und auch etliche Teile der Grünen
die Litanei der neoliberalen Wirtschaft nach: Die regulierten Löhne seien zu
hoch im Vergleich zu niedriger Produktivität von Langzeitarbeitslosen und
schlechter Qualifikation von Langzeitarbeitslosen und Sozialhilfeempfängern. Das
Arbeitslosengeld sei zu hoch und/oder die Anrechnung von möglichen zusätzlichen
Erwerbseinkommen zu restriktiv, dadurch sei kein ausreichender Anreiz für die
Aufnahme einer Erwerbsarbeit oder ein zusätzliches Erwerbseinkommen vorhanden
(sog. "Sozialstaatsfalle"). Die Nebenkosten für Arbeitgeber seien zu hoch;
deswegen würden diese nicht mehr so gerne einstellen, weil sie sonst in einer
"Kostenfalle" wären. Nur durch eine Deregulierung von Tarif- und Sozialstandards
könnten ungenutzte Beschäftigungspotenziale unterhalb eines
"Normalarbeitsverhältnisses" insbesondere in den Dienstleistungen erschlossen
werden. Es wäre "sozial", damit Menschen zur Erwerbsarbeit zu verhelfen.
Solche Argumentation sind nicht nur falsch, sondern auch perfide und
unverschämt. Hier wird bereits der Boden für den derzeit verhandelten
Welthandelsvertrag GATS 2000 bereitet; denn dieser sieht vor, Tarif- und
Sozialstandards als Handelshemmnisse zu bezeichnen und abzuschaffen. Der
subventionierte Lohn (Kombilohn, auch "Mainzer Modell") ist ein Einstieg in die
Aufhebung des bisherigen sozialen Sicherungssystems, zu dem auch die
Sicherheiten eines Tarif- und Sozialsystems gehören. Es wird begründet, dass
Langzeiterwerbslosen und SozialhilfeempfängerInnen der Einstieg in den
Erwerbsarbeitsmarkt durch Absenkung des Lohnniveaus (Kostenersparnis für den
Arbeitgeber) in der Kombination mit einem staatlichen Zuschuss (z. B. durch
einen Zuschuss zu den Sozialversicherungsbeiträgen) erleichtert werden soll.
Diese Gruppe macht etwa 25 % der Bevölkerung aus. Viele niedrig bezahlte Jobs
werden aber vom weitaus grösseren Teil der "Stillen Reserve" wahrgenommen; also
von Menschen, die sich gar nicht erwerbslos gemeldet hatten. Tatsächlich wird
der Kombilohn zu einem Lohndumping der Bruttoarbeitslöhne und einem
weitreichenden Niedriglohnsektor führen. Dieses System hat eine ungeheure
Sprengkraft, da auch die Einnahmen von Staat und Sozialversicherung durch die
geringeren Lohnnebenkosten sinken und die Kommunen und öffentlichen Haushalte
wiederum stärker zur Kasse gebeten werden. Es ist weiterhin zu befürchten, dass
auch Sozialhilfe in der Logik des "Abstandes zum Lohn" weiter nach unten
gedrückt wird. Typischerweise werden wir in den Jobs der Kombilöhne Frauen
wiederfinden, da sie den überwiegenden Teil der Sozialhilfeempfänger stellen.
Sonderprogramm "Mainzer Modell" (Kombilohn durch Sozialversicherungszuschuss)
Dieses ursprünglich regionale Programm läuft ab dem 1. März 2002 bis Ende 2003
als bundesweites Sonderprogramm. Besondere Merkmale:
Bei der Berechnung des Sozialversicherungszuschusses werden Alleinerziehende
(meist Frauen) auf die gleiche Stufe gestellt wie Verheiratete, in einer
Lebenspartnerschaft oder in eheähnlicher Gemeinschaft Lebende. Berücksichtigt
wird dabei nicht, dass gerade Alleinerziehende darauf angewiesen sind,
Unterstützung bei der Kinderbetreuung zu haben, wenn sie einer Erwerbstätigkeit
nachgehen wollen. Bei einem Höchstsatz von 132,57 Euro monatlich (bei einer
Obergrenze des Verdienstes von 767 Euro) im Sozialversicherungszuschuss kann
sich kaum eine leisten, eine qualifizierte Kinderbetreuung zu bezahlen. So wird,
sollte dies dennoch gelingen, die Armut von Frau zu Frau weitergegeben. Auch
hier tritt wieder das drängende Problem zu Tage, dass Frauen in wahrsten Sinne
des Wortes arm dran sind, wenn keine kostenfreie, staatliche und flächendeckend
organisierte Kinderbetreuung vorhanden ist. Alleinerziehende sind auch hier
wieder benachteiligt.
Bei der Zuwendung des Kindergeldzuschlags wurde realitätsfern gedacht: Zwar gibt
es für jedes Kind (je nach "Einkommen") 25, 50 oder max. 75 Euro, aber offenbar
geht das Riester-Ministerium davon aus, dass es ein höheres Einkommen gibt bzw.
mehr erwerbstätig gearbeitet wird, je mehr Kinder vorhanden sind. In aller Regel
verhält es sich genau umgekehrt.
Alles in Allem sind Riester-Rente und Kombilohn in der Arbeitsmarkt- und
Sozialpolitik, die uns die Rot-Grüne Regierung beschert hat, weitere
Meilensteine auf dem Weg in eine Gesellschaft, die unsozial, ungerecht und von
sozialem Unfrieden geprägt sein wird. (Die Politik der CDU/CSU und der FDP -
andere Parteien aus dem rechtskonservativen Spektrum sind eh' völlig
indiskutabel - ist natürlich nicht besser, sondern genauso untragbar. Es sind
halt Parteien, die von verstockten, patriarchalen Männern dominiert wird und in
der weise Frauen nicht wirklich eine Chance haben.
NEIN DANKE, ROT-GRÜN: So haben wir uns eine gerechte Welt nicht vorgestellt.
Wir Frauen nehmen Politik besser selbst in die Hand!